#GEDANKENBLITZ | Weshalb wir mehr Demut, Bescheidenheit und Genügsamkeit üben sollten

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Enthalte dich eine Zeitlang jeden Begehrens, damit du später vernünftig begehren kannst.

— Epiktet Unterredungen, 3.13.21

Mitte der 1970er Jahre geboren, wird mir in diesen Multikrisenzeiten bewusst, wie privilegiert ich bin. Kriegszeiten wie meine Großeltern und Urgroßeltern sie erlebten, sind mir fremd. Anders als meine Eltern habe ich die Nachkriegsnot nicht selbst als Kind gespürt. Sie, Kinder des Wirtschaftswunders, wuchsen in einer Zeit des Aufbaus auf – ich in relativer Fülle.

Natürlich habe ich die Ölpreiskrise miterlebt und bin mit der ständigen Bedrohung des Kalten Krieges sowie der Angst vor einem Atomkrieg aufgewachsen. Auch Tschernobyl und das Waldsterben haben mich geprägt. Direkt nach dem Studium wurde ich Teil der „Generation Praktikum“. Und doch bin ich in wirtschaftlicher Sicherheit und einem stabilen sozialen Umfeld aufgewachsen. Ich habe die Schlagbäume im vereinten Europa fallen sehen und erlebt, wie der Eiserne Vorhang zusammenbrach. Für viele Generationen vor mir war das in Mitteleuropa kaum selbstverständlich. In vielen Regionen der Erde ist es bis heute nicht selbstverständlich.

Mit anderen Worten: Meine Eltern und ich hatten unglaubliches Glück. Unsere Generation und die unserer Kinder sind an einen hohen Lebensstandard gewöhnt. Er ist für uns normal. Wir kennen nichts anderes. Doch genau darin liegt eine unterschätzte Gefahr für unsere Krisenresilienz: Wir haben verlernt, mit weniger auszukommen.

Ein hoher Lebensstandard – mehrere Autos vor der Tür, Skiurlaub im Winter, Sommerurlaub im 4-Sterne-Ressort, jeder Weg mit dem PKW – ist für viele von uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Wer sich das nicht leisten kann, erntet oft mitleidige Blicke. Doch das allein – wenn auch schon schlimm genug – ist nicht das einzige und vermutlich größte Problem. Die wahre Gefahr ist: Wer nie gelernt hat, genügsam zu leben, wie soll er dann den Wert des Besonderen schätzen – oder gar mit Weniger zurechtkommen, wenn er dazu gezwungen ist?

Bei den alten Stoikern wie Epiktet oder Marc Aurel stoße ich immer wieder auf die Idee, dass Demut und Bescheidenheit nicht nur Tugenden sind, sondern Übungen für den Notfall. Wer sich regelmäßig in Bescheidenheit übt, kommt im Krisenfall leichter damit zurecht, wenn er den Gürtel enger schnallen muss. Wer Genügsamkeit lebt, den trifft die Krise weniger hart. Wer sich in Demut, Bescheidenheit und Genügsamkeit übt, ist vorbereitet. Vorbereitet für das was kommen kann und hoffentlich nicht kommt und doch jeden von uns schneller ereilen kann als man denkt.

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