
Mir fällt immer wieder – in der Politik, im Ehrenamt und im Beruf – auf, dass wir stark auf „Konsensentscheidungen“ fokussiert sind und uns dabei immer wieder selbst im Weg stehen. Im Weg stehen im Sinne endloser Diskussionen, die irgendwann in Kompromisslösungen münden, die nicht wirklich tragfähig sind. Nicht tragfähig, weil sie auf taktischen Spielen beruhen: Taktische Spiele, die auf „Gibst du mir hier, dann gebe ich dir dort nach“ beruhen. Am Ende wird die jeweilige Lösung nur von einer Seite wirklich mitgetragen. Die Karten über die wahren Gründe werden oft nicht auf den Tisch gelegt. Die Lösungen sind wenig ausgegoren, passen nicht zusammen.
Mein Gedanke ist daher: Wir sollten mehr in Richtung Konsentsentscheidungen denken. Weg vom Konsens im Sinne von Zustimmung, hin zum Konsent im Sinne: „Welche Alternative erzeugt den geringsten Widerstand bei allen Beteiligten?“
Definition Konsens/Konsent
Ein kleiner Einschub, damit auch klar ist, was ich unter Konsens bzw. Konsent verstehe:
Definition Konsens
Konsens bedeutet, dass alle Beteiligten einer Entscheidung vollständig zustimmen. Es wird so lange diskutiert und verhandelt, bis eine Lösung gefunden wird, die für alle akzeptabel ist.
Merkmale:
- Einstimmigkeit: Jede Person in der Gruppe muss der Entscheidung zustimmen.
- Kooperation: Erfordert intensive Kommunikation und Kompromissbereitschaft.
- Zeitaufwendig: Kann lange dauern, da alle Bedenken und Perspektiven berücksichtigt werden müssen.
- Blockaderecht: Eine einzelne Person kann den Prozess blockieren, wenn sie nicht einverstanden ist.
Definition Konsent
Konsent (von lateinisch consentire = „übereinstimmen“) bedeutet, dass eine Entscheidung getroffen wird, solange niemand einen schwerwiegenden Einwand hat. Es geht nicht um volle Zustimmung, sondern darum, dass die Entscheidung „gut genug“ ist, um voranzukommen.
Merkmale:
- Keine schwerwiegenden Einwände: Die Entscheidung wird akzeptiert, wenn niemand einen begründeten, gravierenden Einwand vorbringt.
- Effizienz: Schneller als Konsens, da nicht alle vollständig überzeugt sein müssen.
- Pragmatisch: Fokus auf „gut genug“ statt „perfekt“.
- Kein Blockaderecht: Einwände müssen sachlich und relevant sein, um den Prozess zu stoppen.
Weshalb Konsententscheidungen?
Die Frage, die sich jetzt zurecht stellt, ist: Warum ich der Meinung bin, dass Konsententscheidungen uns weiterbringen.
Aus meiner Sicht und Erfahrung verschiebt sich der Fokus auf das Erkunden der Ablehnungsgründe und weg von taktischen Spielereien. Entscheidungen werden tragfähiger, weil wir beim Erkunden der Widerstände zu Lösungen kommen, die die Bedürfnisse aller Beteiligten gerecht werden lassen. Mein Eindruck ist immer wieder auch, dass wir schneller und zu nachhaltigeren Entscheidungen kommen, weil wir uns nicht daran versteifen, die Gegenseite unbedingt überzeugen zu müssen, sondern den Blick auf Lösungswege richten.
Faule Kompromisse? Fehlanzeige. Methodisch haben wir mit dem systemischen Konsensieren sogar ein bewährtes „Werkzeug“ zur Hand.
Mein Fazit
Wir sollten mehr Konsent statt Konsens wagen. Der Fokus verschiebt sich auf echte Zusammenarbeit. Auf die Suche nach Lösungen. Weniger auf Konkurrenzkampf.
Es wäre schön, wenn uns das gelingt. Ich könnte mir vorstellen, dass wir damit viele Blockaden auflösen und die Qualität unserer Entscheidungen erhöhen können. Das wäre doch mal was
@tomsgedankenblog.social Sehr hilfreich, sich das ab und an mal vor Augen zu führen. Konsens erfordert m.E. allerdings nicht Einstimmigkeit, wie zB das Thema „menschengemachter Klimawandel“ zeigt. Ein paar Heiopeis hast immer dabei, und trotzdem werden Dinge später dann mit „Ist eben Konsens“ begründet. — Zur Unterscheidung von beidem mein eigener Take von neulich:
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@tomsgedankenblog.social Wenn man einen #Konsens findet, bedeutet das, dass die allermeisten im Raum hinterher eine andere Position zu vertreten haben als vorher. Das heißt, sie mussten ihre ursprüngliche Position oder ihre ursprüngliche Perspektive anpassen, verändern oder sich vielleicht von ihr trennen. Das raubt Energie, und am Ende machen ständige Trennungen mürbe. Überspitzt kann man sagen: „#Konsens ist das, was niemand vorher wollte.“
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@tomsgedankenblog.social #Konsent mit „t“ ist anders. Konsent fragt nach jener Option, mit der niemand nicht leben kann, also nach der Option mit dem geringsten Widerstand. Mit der Signalfrage „Ist es sicher genug, es auszuprobieren?“ erhält der Bedenkenträger gewissermaßen die Hoheit, allein über eine im Raum stehende Option zu entscheiden, denn er darf die Frage beantworten, ob sie „sicher genug“ ist oder nicht.
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