
In gewissen Kreisen scheint es inzwischen modern zu sein, Menschen nach ihrem Nutzen zu beurteilen. Dabei stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ein derartiges Denken gab es bereits mehrfach in der Geschichte der Menschheit. Insbesondere im nationalsozialistischen Deutschland wurde es mit bürokratischer Präzision umgesetzt. Und jetzt sind es erneut die Enkel des Braunauer Obergefreiten, die die Debatte über Herkunft und Nutzen – nicht mehr heimlich, sondern zunehmend offen und ohne Scham – befeuern und wieder ans Tageslicht holen. Dabei sind es ausgerechnet sie, die keinen Mehrwert erzeugen, sondern Probleme verursachen, indem sie Hassbotschaften verbreiten und eine rückwärtsgewandte Sichtweise vertreten. Sie, die Enkel des Braunauers, die nach ihren eigenen Maßstäben ihr Köfferchen packen müssten, zeigen mit dem Finger auf andere und fordern unter dem Deckmäntelchen der „Effizienz” und der vermeintlichen „Gerechtigkeit”, die Würde des Menschen in Abrede zu stellen. Noch maskieren sie ihre Botschaft teilweise und wagen es noch nicht, ihr sozialdarwinistisches Geschwätz vollständig und eindeutig auszusprechen. Doch das Signal ist klar.
Leider gibt es selbst im demokratischen Lager genügend „geschichtsvergessene Unruhestifter”, denen im Kampf um die Fressnäpfe der Macht der moralische Kompass abhanden gekommen ist und die bereit und willig sind, über das hingehaltene Stöckchen zu hüpfen. Ganz zu schweigen von manchen Möchtegern-Wirtschaftsexpert:innen, die vergessen haben, wer die „Arbeit” macht und leistet. Ist ihnen eigentlich bewusst, was in Art. 1 Abs. 1 GG steht? Die oberste Direktive unserer Verfassung?
Die Frage nach dem Wert eines Menschen stellt dessen Würde in Abrede. Sie impliziert, dass ein Mensch weniger wertvoll und weniger Würde besitzt als ein anderer. Wenn wir anfangen, Menschen und Menschengruppen nach ihrem „Nutzen” zu beurteilen, haben wir die wichtigste Lektion des 20. Jahrhunderts vergessen. Wir treten die Mütter und Väter des Grundgesetzes und ihr Vermächtnis mit Füßen. Wir beleidigen das historische Erbe von Generationen, die für Menschenwürde und Demokratie gestritten und gelitten haben. Wir öffnen das Tor zur Hölle und gefährden damit nicht nur „die anderen”, sondern uns selbst. Denn eines Tages sind auch wir es, die nicht mehr von Nutzen sind.