
Ich habe schon unzählige Male gehört, wie (sogenannte) Spitzenmanager:innen behauptet haben, die Lohnkosten seien zu hoch (ihr Gehälter waren da natürlich nicht gemeint). Was mich dabei jedes Mal ärgert, ist, dass genau dieser Personenkreis sich jährliche Boni gönnt, die weit über das gesunde Maß hinausgehen, den Menschen, die die Wertschöpfung erst ermöglichen, aber erklären, sie müssten zum Wohle des Unternehmens verzichten. Mehrarbeit und längere Wochenarbeitszeiten sollen es richten, damit die Boni weiter wachsen, weil einige ausgewählte Finanzkennzahlen glänzen. Dabei werden die eigentlich wichtigen KPIs und KVIs, die im Hinblick auf die mittel- bis langfristigen Strategien der Organisation aussagefähig sind, von den effizienzbesessenen Eigenutzoptimierern in ihren Elfenbeintürmen, fern der eigentlichen Wertschöpfung, gerne ignoriert. Dass sie dabei die Probleme, die sie mit lokaler Kostenoptimierung gar noch verstärken, im besten Fall nicht angehen oder sogar erst schaffen, blenden sie in ihrer kognitiven Dissonanz vehement aus.
Der komplexitätsvereinfachende Reflex lautet: „Wir müssen nur die Kosten, insbesondere die Lohnkosten, senken – dann wird es schon werden.” Jedes systemische Denken unter Einbeziehung der zweiten und dritten Ordnung fehlt. Der Effizienzneurotiker, dem sein Bonus und sein Luxusdienstwagen näher stehen als die Verantwortung für die Menschen, die ihm all dies erst ermöglichen, kennt nur den Hammer, mit dem er wild auf alles einschlägt, selbst wenn ein Schraubenzieher die bessere Wahl wäre.
Dummerweise adaptiert die Politik das fehlende mittel- und langfristige Denken und verfällt selbst in ein undifferenziertes Kürzungsmassaker, ohne die mittel- bis langfristigen Folgen miteinzubeziehen. Sicher, man kann den Kuchen nur einmal verteilen. Aber umso mehr darf man dabei nicht dem schnellen, vermeintlichen Erfolg verfallen, sondern muss mit Sinn und Verstand die Auskömmlichkeit erhöhen, ohne die Qualität möglichst zu beeinträchtigen. Die Folgen werden wir erst mit Versatz deutlich spüren, aber die präsentierte Rechnung summiert sich dann um ein Vielfaches höher als der kurzfristige Gewinn. Adam Smith und Frederick Taylor sitzen sicherlich kopfschüttelnd auf ihrer Wolke und sind entsetzt, darüber was ihre vermeintlichen Erben anrichten.