
Vor Kurzem habe ich endlich das Buch „Ikigai” von Ken Mogi (Verlag Dumont, 2020) gelesen. Ein „Lebenskonzept” aus Japan, das mir schon mehrfach über den Weg gelaufen ist. Zwar war ich nach den ersten Seiten versucht, das Buch wieder aus der Hand zu legen – das Loblied auf das „Frühe Aufstehen“ hat mich als „Morgenmuffel“ eher erschreckt. Aber dann habe ich das Buch doch bis zum Ende gelesen. Ich hätte mir zwar mehr „methodischen” Input gewünscht, aber dennoch war die Lektüre interessant. Nein, das wird jetzt keine Buchrezension. Ich möchte lediglich ein paar Gedanken teilen, die mir beim Lesen durch den Kopf gegangen sind.
Das japanische Wort „Ikigai” könnte man mit „Lebenssinn” übersetzen. Das trifft es jedoch nicht wirklich. Wie so oft. Die kulturellen Besonderheiten von Wortbedeutungen sind oft nur schwer in andere Sprachen zu übersetzen. Ich würde Ikigai damit umschreiben, ein sinnhaftes und erfülltes Leben zu führen. Es erinnert mich persönlich an die antiken Philosophen, insbesondere an die Stoa. Vor allem, wenn man sich die fünf Säulen genauer ansieht.
- klein anfangen
- loslassen lernen
- Harmonie und Nachhaltigkeit leben
- die Freude an den kleinen Dingen entdecken
- im Hier und Jetzt sein.
Bemerkenswert ist für mich, dass Ikigai nicht bedeutet, Wertschätzung und Anerkennung von etwas abhängig zu machen. Das wäre in diesem Sinne die falsche Priorität. Vielmehr ist es die Tätigkeit an sich, die antreibt. Stolz darauf zu sein, was man tut, sei es noch so vermeintlich klein und unbedeutend. Denn es ist es nicht. Jedes Tun und Handeln ist ein „Baustein” eines großen Ganzen. Und jeder dieser Bausteine trägt zum Gelingen bei, auch wenn wir ihn (bisher) nicht wahrnehmen. Menschen, die ihr Ikigai gefunden haben, zeichnen sich oft durch ein schon fast akribisches Streben nach Perfektion aus. Dieses Streben mündet jedoch nicht in der „Exklusion“ neuer Ideen und Einflüsse, sondern in deren „Inklusion“.
Meiner Wahrnehmung nach ist Ikigai das Engagement über das normale Maß hinaus aus Freude an den kleinen Dingen. Nicht der große Wurf, nicht Ruhm und Ehre sind das Ziel, sondern Wertschätzung gegenüber den Details und den einfachen Dingen. Es geht vielmehr um Wertschätzung gegenüber den Details und den einfachen Dingen. Hieraus ergibt sich das Streben, auch einfache Aufgaben zu vervollkommnen. Es ist die Wertschätzung jedes kleinen Schritts, den man tut, weil man sich vergegenwärtigt, wie flüchtig und einzigartig jeder Moment ist. Ikigai ist, so habe ich es verstanden, eine Lebenshaltung, die das „Selbst” verneint, damit wir die Freude an den kleinen Dingen erkennen und schätzen können. Man richtet seinen Fokus auf die Details der kleinen Dinge und lernt, sie zu schätzen und zu genießen. Dabei ist es wichtig, im Hier und Jetzt zu sein. Man muss sich wirklich auf den Moment konzentrieren und die Details wahrnehmen, seien sie noch so unscheinbar. So werden die „kleinen Freuden” des Lebens zum Motivator und Treiber. Dabei ist das Streben nach Harmonie und Nachhaltigkeit nicht minder wichtig. Aus dieser Erkenntnis und im Zusammenspiel mit den anderen vier Säulen wächst die Einsicht, dass alles ein komplexes Zusammenspiel verschiedenster Faktoren ist. Dies wiederum schärft, auch im Zusammenhang mit der Wahrnehmung der kleinsten Details, die Wertschätzung gegenüber Mitmenschen und Umwelt und trägt so zum Gelingen bei.
Mir ist bewusst, dass Konzepte wie das Ikigai sehr stark durch kulturelle Aspekte geprägt sind und nicht ohne Weiteres übertragbar sind. Sicherlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Dennoch spricht mich manches an diesem Konzept an. Es ist ein für mich interessanter Impuls, der mich anregt, mal wieder die Stoiker aus dem Regal zu holen 😉
Ein weiterer Punkt, der mich anspricht, ist, sich der kleinen Freuden im Leben bewusst zu werden. Denn daraus kann gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung ganz ohne Hintergedanken erwachsen. Das ist ein bewusstes Gegengewicht zur aktuellen „Egomanie” und „Großmannssucht”, bei der jeder versucht, den anderen zu übertrumpfen.
Ein großartige Buch, von Dir sehr treffend rezensiert. Meine Frau hat es mir vergangenes Weihnachten geschenkt – wenige Tage später hatte ich es ausgelesen. Wie Du schreibst, nicht alles ist übertragbar. Aber es bleibt ein Denkanstoß, der nachwirkt.
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Danke
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