
Wieder taucht in meinem Umfeld die Debatte auf, welche Form des Extremismus gefährlicher sei: der Links- oder Rechtsextremismus. Mich lässt diese Diskussion kopfschüttelnd zurück. Solche Debatten führen nicht weiter, weil sie das eigentliche Problem nicht angehen. Sie richten den Blick auf eine Teilmenge und übersehen das grundsätzliche Problem: das Erstarken extremistischer Tendenzen an sich.
Überall, wohin ich blicke, stelle ich fest, dass Rücksichtnahme und gegenseitige Wertschätzung zugunsten von „Ich zuerst” auf dem Rückzug sind. Diskussionen eskalieren, weil mindestens eine Person nicht mehr in der Lage ist, eine gegenteilige Meinung als gleichwertig stehen zu lassen – selbst dann, wenn sie mit handfesten Zahlen, Daten und Fakten untermauert wird. Mitmenschen werden aggressiv, weil sie sich im Recht sehen und meinen, vor allen anderen bedient werden zu müssen. Das ist ein wachsendes Problem, nicht nur in der Notaufnahme, wenn dort priorisiert werden muss, weil nicht nur echte Notfälle aufschlagen, sondern auch immer mehr Menschen mit kleinen Wehwehchen, die eigentlich bis zur nächsten Sprechstunde des Hausarztes warten könnten. „Ich zuerst“ und „Ich bin wichtiger als alle anderen“. Das ist einer der Gründe für eine Radikalisierungsspirale, die zu einer zunehmenden Enthemmung gegenüber unseren Mitmenschen führt.
Wir verlernen, uns zu mäßigen, weil wir – und jetzt sollten bei jedem Demokraten die Alarmglocken läuten – nur noch uns selbst, unser Ego und unsere Bedürfnisse sehen und die Augen davor verschließen, dass wir eine Solidargemeinschaft sind. Im Kleinen wie im Großen. Im Kleinen erleben wir es, wie ich es gerade beschrieben habe. Im Großen sind es Menschen wie der Autokrat Trump, der sich das Weiße Haus in Washington einverleibt hat.
Und nein, wir müssen nicht warten, bis irgendjemand irgendwo irgendetwas tut und ändert. Wir haben es selbst in der Hand. Wir müssen wieder lernen, einander mit Respekt und Würde zu begegnen. Indem wir auf Menschen zugehen, statt sie auszugrenzen. Indem wir offen für das Anderssein bleiben und diese Offenheit würdigen und verteidigen. Wir verlernen zunehmend, was es bedeutet, solidarisch zu sein, weil wir jede Einschränkung unseres Egos als Limitierung unserer individuellen Freiheit verstehen, die uns nicht zumutbar ist, ohne zu fragen, was andere zumutbar ist. Wir halten für andere zumutbar, was uns keinesfalls zumutbar ist. Wenn wir die Radikalisierungsspirale durchbrechen, können wir selbst einen Beitrag dazu leisten, dass sie sich nicht noch weiterdreht.
Das Problem lösen wir nicht, wenn wir darüber debattieren, welcher Extremismus schlimmer ist. Wir verschwenden unsere Energie auf die falsche Debatte. Alle Formen von „Ismus” sind ein potenzielles Problem für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, weil sie Ausgrenzung und Abgrenzung statt gegenseitiger Würdigung bedeuten. Und das fängt direkt vor unserer Haustür an, wenn wir lauthals verkünden, dass etwas für uns nicht zumutbar ist, für alle anderen aber schon. Es beginnt damit, dass wir Andersartigkeit und Anderssein nicht aushalten können. Es beginnt damit, dass wir uns als Individuen überhöhen und andere nicht als gleichberechtigt wahrnehmen. Es beginnt damit, dass wir zuerst an uns selbst denken und dann vielleicht an die vermeintlich „Unsrigen“, aber alle anderen haben gefälligst darauf Rücksicht zu nehmen. Nur wir nicht.
Wir können klar Kante gegen jede Form von Extremismus im Alltag zeigen. Indem wir intervenieren, Grenzen setzen, Menschen verachtendes ansprechen und aktiv werden. Wir müssen der Normalisierung menschenunfreundlichen Gedankenguts widersprechen und Kante zeigen. Wir müssen klar aufzeigen, welche Konsequenzen es hat, wenn man sich nicht an die Grundregeln hält, und gleichzeitig zuhören, wenn jemand im Rahmen dieser Grundregeln etwas sagt, auch wenn wir anderer Meinung sind. Wir können Extremisten die Bühne verweigern, aber den Menschen und ihren Sorgen eine geben, sodass sich die Spirale nicht weiterdreht. Wir können vorleben, dass gegenseitige Rücksichtnahme kein Verlust ist, sondern für alle von Vorteil.
Keine Toleranz gegenüber der Intoleranz auf der einen Seite und das bewusste Leben und Erleben des Gegenmodells. Laut und sichtbar, damit alle hören und sehen, es ist da und es ist möglich. Und wir sind mehr. Wir stemmen uns dagegen. Im Kleinen, wie im Großen. Es ist an uns den Fokus auf das zu richten, was möglich ist und was wir tun können. Wir sind gefragt. Jeder Einzelne von uns. Jetzt. Und hier. Wir sind nicht machtlos und wir haben es in der Hand. Zusammenarbeit unter Demokraten auf der einen Seite, klare und eindeutige Abgrenzung in Wort, Tat, Sprache und Narrativ von denen, die unsere freiheitlich-demokratischen Grundordnung bedrohen.