
Das Thema „Standards” ist wieder einmal bei mir aufgeschlagen. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass gerade im deutschsprachigen Raum Standards als etwas bis in alle Ewigkeit in Stein gemeißelt betrachtet werden. Und das halte ich als „Kaizen“-Fan – entschuldigt, aber der Begriff „kontinuierlicher Verbesserungsprozess“ erfasst es nicht ganz – für ein großes Problem.
Zunächst einmal: Was verstehe ich unter einem Standard und wie definiere ich den Begriff?
Ein Standard ist eine gut bestätigte Arbeitshypothese über reproduzierbare Gelingensbedingungen. Er ist so lange gültig, bis eine bessere gefunden wird.
Ja, man merkt es: Dahinter verbirgt sich ein empirischer Ansatz. Ich hoffe, dass es zumindest dem einen oder anderen aufgefallen ist 😉 Den Verwaltungswissenschaftler kriegt man auch 20 Jahre nach dem Studium einfach nicht aus mir raus. Da hat Prof. Dr. Schnell in „Methoden der empirischen Sozialforschung” gute Arbeit geleistet, auch wenn es damals – zugegebenermaßen – nicht meine Lieblingsvorlesung war. Manchmal braucht es eben etwas länger, bis man den Mehrwert versteht.
Zurück zum Thema Standard. Mir ist wichtig, dass es hier um „reproduzierbar” und um „Gelingensbedingungen” geht. Wir sprechen also über Dinge, die wir wiederverwenden können und die dazu beitragen, dass etwas gelingt. Und das nicht einfach so, sondern geschmeidig, in hoher Qualität und – auch ganz wichtig – ohne unnötigen Aufwand (Muda lässt grüßen). Meister Konfus würde es übrigens nicht gefallen 😉
Mir ist auch wichtig, dass es sich um eine gut fundierte Arbeitshypothese handelt. Das bedeutet, dass wir sie regelmäßig mit der tatsächlichen Arbeitsrealität in Relation setzen und überprüfen, ob die damit verbundenen Erwartungen und Annahmen erfüllt werden. Das kommt nicht aus dem luftleeren Raum, sondern setzt voraus, dass wir genau beobachten, was wirklich funktioniert, und dies aus der gelebten Realität ableiten, statt es uns im Elfenbeinturm auszudenken.
Wir stellen sie regelmäßig auf den Prüfstand und passen sie (ganz wichtig) an unsere neuen Erkenntnisse an. Wir lernen beständig dazu. Der Standard ist lebendig und nicht in Stein gemeißelt. Er entwickelt sich weiter. Er ist nicht dazu Menschen zu gängeln, er ist dazu da Menschen zu helfen. Ganz im Sinne des Leitprinzips „Die Welt der Dinge hat sich nach der Welt der Menschen zu richten“ (vielen Dank Mari Furukawa-Caspary für diesen Satz – ihre Buchreihe Lean auf gut Deutsch, kann ich wärmstens als Einstieg empfehlen). Den am Ende des Tages geht es darum, dass wir gemeinsam qualitativ hochwertige Ergebnisse abliefern. Nicht mehr und nicht weniger.
P. S.: Zum Thema Standard und Agilität habe ich mich sogar schon 2022 im Blog des Forums Agile Verwaltung ausgelassen. Das meiste davon würde ich genauso immer noch stehen lassen.