
Ich sehe mich selbst als pessimistischen Optimisten. Ich erwarte das Beste, bereite mich aber auf das Schlimmste vor. Manche finden es schräg und wie ich immer wieder feststellen muss, verwirrt es so manchen Mitmenschen. Ich suche nicht das Haar in der Suppe, sondern das Verbesserungspotenzial, um Herausforderungen zu meistern und mich weiterzuentwickeln. Auch glaube ich, dass es uns „erdet”, wenn wir uns unsere Fehlbarkeit (und ja, ich bin ein fehlbares Lebewesen und noch sehr weit weg vom Ideal eines echten Stoikers) und die Unwägbarkeiten des Lebens immer wieder bewusst machen. Das hilft auch, den Fokus zurückzugewinnen und sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren.
Was bedeutet das konkret? Der Ausgangspunkt ist das optimistische Ziel, das ich erreichen will. Und das ist ein positiver Zustand. Im nächsten Schritt gilt mein Blick dem, was alles schiefgehen kann – zumindest dem, was zum jeweiligen Zeitpunkt bekannt ist. Gegenstand der Überlegungen sind der schlimmstmögliche Fall und der positive Zielzustand. Nicht, weil ich das Scheitern anstrebe, sondern weil ich es gar nicht erst dazu kommen lassen will.
Ich definiere Risiken und Fallstricke, um sie zu erkennen und zu umgehen. Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Hindernisse auf dem Weg zum Ziel lauern können. Ich stelle mich darauf ein, betrachte mögliche Risiken und Herausforderungen, aber auch Chancen und hinterfrage den Ist-Zustand. Dabei gehe ich davon aus, dass der negative Fall nicht eintreten wird, denn mein Fokus liegt auf dem optimistischen Ziel, welches ich erreichen möchte. Dieses optimistische Ziel ist mein Referenzpunkt.
Das hat aus meiner Sicht den Vorteil, dass ich – soweit bekannt – Störfaktoren bereits kenne und diesen entgegenwirken kann. Wenn tatsächlich etwas schiefgeht, trifft es mich nicht hart, denn ich habe bereits einen Plan B im Gepäck und bin vorbereitet. Hindernisse werden zu Lernchancen und Irrtümer zu neuen Erkenntnissen, die uns weiterbringen. Das Streben zum Besseren und die beständige Weiterentwicklung gehören dazu. So erkenne ich auch deutlich früher, welche Mittel ich benötige, um das Ziel zu erreichen. Ich erkenne früher und schneller, was realisierbar ist und was nicht. Ich kann einschätzen, was ich investieren kann. Und ich erkenne leichter, was ich selbst beeinflussen kann und was nicht. Mein Fokus richtet sich auf die Dinge, die ich selbst beeinflussen kann.
Das Prinzip der negativen Voraussicht war übrigens bereits den Stoikern bekannt. Sie rechneten stets mit dem Schlimmsten, um nicht überrascht zu werden. Sie waren sich der Widrigkeiten des Lebens somit bewusst. Dadurch war es ihnen möglich, sich auf das Kontrollierbare zu fokussieren und Hindernisse als Wachstumschancen zu verstehen. Es ist also ein jahrtausendealtes Konzept, das sich immer wieder bewährt hat.
Pessimistischer Optimismus stärkt die Resilienz des Einzelnen, aber auch die einer Organisation.